23.09.2018
19:00



Künstlerkollektiv Jon Shit (Stuttgart)

SCHNEPFENDRECKSCHNITTEN

Eine musikalisch-bildnerische Auseinandersetzung mit Leben und Texten Justinus Kerners (1786-1862)

Saugen und Trinken mit Justinus Kerner

Nach SCHALLBLADD und SCHÖNE LAU zündet das Künstlerkollektiv Jon Shit mit SCHNEPFENDRECKSCHNITTEN sein nächstes Feuerwerk. Damit haben sie das musikalische Genre der Suebikana zu einer eigenen Kunstform erhoben. Sowohl der Zungenschlag als auch die besungenen Spukereien lassen sich nicht vom schwäbischen Kulturraum trennen. Die muntere Do-It-Yourself-Haltung, die nicht in irgendeiner Spielart von Volxmusik aufgeht, macht glasklar, dass hier jeder Lokalpatriotismus ganz energisch gegen den Strich gebürstet wird. Es umfunkelt die dunkle Aura des Punk mit schäbiger Sprezzatura jeden Ton, und der Reichtum popkultureller Referenzen zeigt die kosmopolite Musikalität und die glühende Spiellust von Jon Shit.
Justinus Kerner eignet sich hervorragend als Gegenstand dieser eigenwilligen Schwabenstreiche. Als Geisterseher, empathiefähiger Arzt und "Genie der Gastfreundschaft" stand sein Haus jederzeit offen für schräge Vögel, verquere Denker und körperlose Wesensheiten. Er kultivierte in der Zeit der Märzrevolution, die voll war von Flüchtenden und Migranten, ein großes Herz in einer engen Stube. Bei ihm begegnen sich esoterische Spiritualität und wissenschaftliche Nüchternheit, schwermütige Nostalgie und euphorische Zukunftshoffnung, biedermeierliche Häuslichkeit und die ganz große Romantik.
Jon Shit lässt die Widersprüche ungelöst aufeinander scheppern. Sie streiten sich dauernd. Das ist mehr ein Weiterspielen Kerners als ein Denkmal. Es pulst von Lebendigkeit und sublimierter Libido. Kerners Texte werden vertont und eigene Lieder daruntergehoben. Imaginäre Gäste treffen sich beim abwesenden Hausherrn, sie trällern und zwitschern, raunen oder schlagen Radau. Synthie und Gong, Gamelanharfe und Bulbultarang, Ukulele und – natürlich – Maultrommel: alle Mittel sind recht. Eine sauber gelungene Darstellung jenes dreckigen Durcheinanders, das man die Wirklichkeit nennt.

Text: Friedrich Weltzien

Fotos: Jana Frey


Dauer: ca. 60 Minuten mit Pause